Fünf Jahre Selbstständigkeit – meine Zwischenbilanz

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Im Oktober 2011 traf ich von einer Minute auf die andere die Entscheidung, mich als Coach und Trainerin selbstständig zu machen. Ich legte, wie es eben meinem Naturell entspricht, ohne groß nachzudenken sofort los. Beim Finanzamt meldete ich mein Einzelunternehmen offiziell zum 01.01.2012 an. Somit bin ich heute also seit ziemlich genau fünf Jahren selbstständig. Zeit, ein Resümee zu ziehen.

Anstatt darüber zu lamentieren, wie schnell die Zeit vergeht, möchte ich dir ehrliche Einblicke in die Entwicklung meines Unternehmens sowie in meinen persönlichen Prozess auf dem Weg zur Geschäftsfrau geben. Ich werde wichtige Erkenntnisse und Erfahrungen mit dir teilen, damit dieser Artikel dir hoffentlich nützlich ist, wenn du gerade dabei bist, ein Business aufzubauen (oder darüber nachdenkst).

Womit ich damals gestartet bin:

Meine Idee:
als Ernährungs- und Gefühlscoach Menschen zu unterstützen, mit ihren Emotionen besser klar zu kommen und Zusammenhänge zwischen Verhalten und Gefühlen zu verstehen (und zu verändern).

Meine Vorbildung:
neben einer Coaching-Ausbildung, vielen Persönlichkeitsentwicklungs-Seminaren und einem Diplom in Ernährungswissenschaften hatte ich mir einige betriebswirtschaftliche Basics angeeignet durch den Wirtschafts-Leistungskurs, diverse Praktika, eine BWL-Zusatzausbildung sowie eine 3-jährige Tätigkeit als Key-Account-Managerin.

Mein soziales Umfeld:
in meiner Familie und meinem näheren Bekanntenkreis gab es keinen einzigen Unternehmer. Meine Eltern waren beide Beamte und der Rest meiner Familie sowie quasi alle meine Freunde waren den klassischen Weg über Ausbildung/Studium in ein Angestelltenverhältnis gegangen. Ich konnte diesbezüglich also nicht auf fachliche Unterstützung oder Know-How aus meinem Umfeld zählen.

Meine persönliche Situation:
Zu diesem Zeitpunkt lebte ich ohne Partner in meiner eigenen Wohnung in meinem Elternhaus – und wusste, dass ich dort nicht bleiben will. Ich träumte schon lange davon, an den Bergen zu leben (ehrlich gesagt, empfand ich es sogar eher als sehr schmerzhafte Sehnsucht…), war allerdings auch froh darüber, mir die Miete für Wohnung und Coaching-Raum (den richtete ich im Keller ein) sparen zu können.

Meine Finanzen:
Auf dem Sparbuch hatte ich ca.38.000 EUR liegen – für später, wenn ich das Geld mal für eine große Investition brauchen würde (dazu später mehr). Ich war bereits  knapp ein Jahr arbeitslos gemeldet und hatte ich nur noch zwei Monate Restanspruch auf ALGI. So entschied ich, mir einen Teilzeit-Job zu suchen, um wenigsten etwas Einkommen und eine Krankenversicherung zu haben.

Meine Unterstützung:
Da es in meinem Umfeld, wie gesagt, keine Unternehmer gab, erntete ich eine skurrile Mischung aus Unterstützung (emotional, handwerklich und steuertechnisch vor allem von meinen Eltern) sowie einer Menge Bedenken und Sorgen (“Damit dir das klar ist: wenn das mit der Selbstständigkeit nicht klappt, liegt es nicht an dir. Die Allermeisten scheitern.”). Ich kümmerte mich außerdem um ein Existenzgründercoaching und erhielt 10 Stunden bei einer zertifizierten Beraterin.

Und dann ging’s los!

Ich startete mir sehr viel Euphorie und Vorfreude. Schließlich war ich schon viel zu lange auf der Suche nach meiner Bestimmung gewesen und immens erleichtert und happy, dass ich sie jetzt endlich gefunden zu haben schien. Gemeinsam mit meinem Vater renovierte ich einen Raum im Keller und bereitete alles für meine ersten Coachings vor.

Im Bekanntenkreis fand sich ein Grafiker, der mir im Austausch gegen ein paar Coaching-Stunden Flyer, Visitenkarten und Website zu einem Sonderpreis machte. Für mich war es dennoch mit einem sehr schlechten Gewissen verbunden, diese 1500 EUR von meinem Ersparten zu nehmen (du weisst schon, die seltsamen Ansichten darüber, wofür ich die Ersparnisse verwenden durfte…).

In der Gründungsberatung lernte ich, einen Businessplan zu schreiben (gähn!), einen Finanzplan aufzustellen, bei dem mir schlecht wurde (dazu gleich mehr) und bekam Ideen darüber, wie ich Pressearbeit und Vorträge nutzen konnte, um mich bekannt zu machen.
Unsicher tastete ich mich an Volkshochschulen und potentielle Locations für Vorträge heran. Zu meinem Erstaunen stießen meine Ideen bei den Volkshochschulen auf reges Interesse (“Vortrag? Nein, machen Sie gleich einen Kurs bei uns! Oder besser zwei – das Thema ist gut!”). Bei den Vorträgen nahm ich alles mit, was ging: Unternehmensnetzwerke, Hausfrauenbund, Hotels und Gartenbauvereine zählten zu meinen schillernden Gastgebern.

Ich wurde zum nervlichen Wrack

Je mehr im Hintergrund alles bereit war, ich mich also “draußen” zeigen musste, umso erbärmlicher wurde jedoch meine psychische Verfassung. Existenzängste vom feinsten und hartnäckige Selbstzweifel waren meine täglichen Begleiter und sorgten dafür, dass ich an vielen Tagen völlig blockiert war. Ich wusste nicht, wo anfangen und wie vorgehen. Außerdem hatte ich fundamentale Zweifel daran, überhaupt jemals auf einen grünen Zweig zu kommen (im Nachhinein weiß ich, dass vieles davon gar nicht meine eigenen Gedanken und Emotionen, sondern die meiner engsten Umgebung waren).  Als ob eine Existenzgründung nicht genügend Herausforderung wäre, hatte ich mich parallel dazu auch noch in eine sehr komplizierte, oftmals kraftraubende Beziehung begeben. Mir ging es also an viel zu vielen Tagen ziemlich beschissen.

Meine glorreiche, rosarote Idee entpuppte sich als eine der größten Herausforderungen meines Lebens. Ich gewann zwar die ersten Kunden und Kundinnen (natürlich nahm ich wahllos jeden neuen Klienten an, auch wenn ich auf den ein oder anderen überhaupt keine Lust hatte…), aber mir wurde immer klarer, dass ich nicht in der Lage bin, Montag bis Freitag sechs oder gar acht Klienten pro Tag zu coachen. Meine Arbeit brauchte meine volle Präsenz und kostete mich einiges an Energie. In Anbetracht meines damaligen Preises von 60 EUR pro Session (die meist über 90-120 Minuten ging!!) wurden meine Sorgenfalten immer tiefer. Wie sollte ich mir einen halbwegs vernünftigen Lebensstandard leisten können, wenn ich nur 2-3 Sitzungen pro Tag geben konnte und möglicherweise sogar noch Urlaub und Auszeiten brauchte?

Mein Ausweg lautete Verdrängung

Da ich auf diese Frage nicht mal annähernd eine Antwort fand (eine Preiserhöhung kam mir gar nicht in den Sinn; die Selbstzweifel, du erinnerst dich?!), hielt ich es für die beste Strategie lieber nicht weiter darüber nachzudenken. Stattdessen tat ich etwas völlig Verrücktes: ich nahm mir eine Auszeit und ging ein Jahr auf Reisen.

Danach wollte ich mir endlich meinen lang gehegten Wunsch erfüllen und an die Berge ziehen. Wohin genau und wie das alles funktionieren sollte, schaffte ich oberflächlich erfolgreich zu verdrängen (insgeheim nagte diese Unsicherheit natürlich permanent an mir). Immerhin nahm es mir jedoch den akuten Druck und verhalf mir zu einer Verschnaufpause.

Doch natürlich kam der Moment, wo ich den Tatsachen ins Auge blicken musste

Zurück in Deutschland verschlug es mich zunächst ins Allgäu: komplett fremdes Umfeld, beruflicher (und privater) Neuanfang und alle Ersparnisse aufgebraucht (die waren durch Ausgaben für Marketing, Seminare und nicht zuletzt die Reise von über 30.000 EUR auf 1000 EUR geschrumpft).  Doch offensichtlich war ich durch die Erfahrungen der Reise innerlich so gewachsen, dass ich der Herausforderung Business-Aufbau nun völlig anders begegnete. Ich wusste zwar nicht wie, aber ich wusste, dass ich es schaffen würde. Passend dazu flatterte das Angebot für ein schweineteures Business Mentoring Programm in mein Email-Postfach – und ich nahm es an. Ohne zu wissen, wie ich es finanzieren sollte, aber mit einer inneren Stimme, die lauthals “jaaaa” schrie und mir keine andere Wahl ließ.
Ab diesem Moment ging es steil bergauf. Versteh’ mich nicht falsch: es war nach wie vor eine immense Herausforderung und Ängste und Zweifel schauten sehr wohl noch manchmal vorbei. Aber die grundlegende Überzeugung hatte sich geändert:

Alles ist möglich. Es gibt immer einen Weg. Also los!

Der Neustart ist jetzt genau zwei Jahre her und manchmal muss ich mir selbst die Augen reiben. Wie mein Business sich entwickelt hat und welche Möglichkeiten inzwischen für mich Realität geworden sind, hätte ich mir vor wenigen Jahren in meinen kühnsten Träumen nicht vorzustellen gewagt. Und es wird täglich besser (und bleibt eine tägliche Herausforderung ;-)).

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Was du von mir lernen kannst

Rückblickend betrachtet würde ich heute sehr vieles anders machen. Inzwischen weiß ich so viel über (Online-)Business und die wichtigsten Zutaten für eine erfolgreiche Selbstständigkeit, dass ich klar sehen kann, warum es anfangs so hart für mich war. Dennoch betrachte ich die Dinge nicht als Fehler. Es war meine persönliche Entwicklung und ein extrem wichtiger Lern- und Reifeprozess für mich.

Ein paar Tipps möchte ich dir jedoch mitgeben, solltest du mit einer Selbstständigkeit liebäugeln:

#1: Kein Business-Aufbau ohne Mentor/in
Du sitzt die ersten Male am Steuer – und neben dir dein Fahrlehrer.
Du startest ins Berufsleben – und wirst (im Idealfall) von Fachleuten ausgebildet.
Du lernst Skifahren, Segeln oder Yoga – und nimmst dafür Unterricht beim Profi.
Glaubst du wirklich, dass du dir einen Gefallen tust, das herausfordernde Lebensprojekt “Selbstständigkeit” alleine anzugehen?
Mein einstiges Existenzgründer-Coaching war – mit Verlaub – verglichen zu den Möglichkeiten, die ich heute kenne, als hätte man mich mit Flipflops für einen Marathon ausgestattet. Möglich, aber sicherlich nicht der schnellste und bequemste Weg.
Eine gute Mentorin zeigt dir nicht nur klar den Weg und die nächsten Schritte auf, sondern stärkt dir auch den Rücken und dient dir als Vorbild, so dass Zweifel immer älter aussehen.

#2: Kein Business-Aufbau ohne Mentor/in

#3: Kein Business-Aufbau ohne Mentor/in

#4: Erlaube dir Fehler zu machen
Die meisten von uns haben sehr hohe Ansprüche an sich und ihre Arbeit. Wenn du dein eigenes Business aufbaust, betrittst du Neuland (vor allem, wenn es deine erste Selbstständigkeit ist) und du wirst Fehler machen. Garantiert. Du tust also gut daran, sie dir von vorneherein zuzugestehen. Erlaube dir zu lernen. Dieser Prozess hört übrigens nie auf, selbst wenn dein Business eines Tages etabliert ist. Die gute Nachricht: du kannst erfolgreich sein, obwohl (oder gerade weil) du Fehler machst! 😉

#5: Übe dich in Geduld
Ich weiß, jetzt mache ich mich gerade extrem unbeliebt bei dir. Sorry. Aber ganz ehrlich, was ist dir lieber: mit falschen Erwartungen zu starten und dann mega enttäuscht und frustriert zu sein, wenn die Dinge nicht so laufen, wie du es dir vorgestellt hast? Oder realistisch zu planen und dann hin und wieder positiv überrascht zu werden?
Bis du mit deiner Selbstständigkeit einen soliden Kundenstamm und damit kontinuierlich ein erfreuliches Einkommen erreicht hast, vergehen schnell 2-3 Jahre. Natürlich bist du herzlich eingeladen, die Ausnahme der Regel zu sein (bin ich ja selbst auch – aber ich bin ehrgeizig und habe/hatte sehr gute Mentorinnen). Aber bitte denk dran: du baust ein Business für 10, 20, vielleicht sogar 30 Jahre auf. Es ist dir nicht geholfen, wenn du wie eine Rakete startest und nach zwei Jahren völlig ausgebrannt abstürzt. Also lass dir lieber etwas mehr (Frei-)Zeit und lege dafür ein solides Fundament.

#6: Rechne rückwärts
Viele Menschen machen den Fehler, den ich zu Beginn gemacht habe: sie denken sich einen Preis für ihre Dienstleistung/ihr Produkt aus und merken erst im Laufe der Zeit, dass sie damit ihr Einkommensziel nicht erreichen (können). Die bessere Idee ist, dir zu überlegen, wie viel du im Monat bzw. Jahr verdienen willst, wie viele Einheiten (z.B. Coaching Stunden oder Produkte) du verkaufen kannst und daraus zu errechnen, was eine Einheit dann logischerweise kosten muss.
Ich konnte damals mit 60 EUR (netto) und einer Kapazität von durchschnittlich maximal 10 Sessions pro Woche (Urlaub und Pausen eingerechnet) auf höchstens 2400 EUR pro Monat kommen. In Anbetracht der hohen Ausgaben als Selbstständige ist das viel zu wenig.

#7: Frage nach Möglichkeiten
Es gibt immer, immer, immer eine Lösung. Selbst, wenn deine Situation noch so verzwickt und aussichtslos erscheint: frage nach Möglichkeiten anstatt den Kopf in den Sand zu stecken. Wenn du mit einem Aspekt deines Unternehmens unzufrieden bist, suche aktiv nach Alternativen.

#8: Erlaube dir zu scheitern
Ja, du hast richtig gelesen. Es geht um dein Herzensprojekt und du investierst viel Zeit, Energie und Geld. Aber es geht nicht um dein Leben. Wenn dieses Business – aus welchen Gründen auch immer – nicht klappt, wirst du etwas anderes kreieren. Nimm dir den Druck, dass es funktionieren muss. Es muss nicht. Es darf.

#9: Gestalte dein Business wie es für dich passt
Jeder von uns tickt anders. Was für mich essentiell wichtig ist, kann für dich völlig unbedeutend sein und andersrum. Finde heraus, wie dein Arbeitsleben strukturiert sein muss, damit es für dich funktioniert. Bekomme Klarheit über deine Werte und gestalte dein Business entsprechend. Das ist einer der großen Vorteiler einer Selbstständigkeit: du kannst sehr frei entscheiden, wie die Dinge sein sollen. Nutze diese Freiheit und trau’ dich dein Ding zu machen.

#10: Lerne mit Neid umzugehen
Wenn du all diese Punkte beherzigt hast, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es dir mit deinem (sich entwickelnden) Business sehr gut geht. Du strahlst, weil du deine Berufung lebst. Du blühst auf, weil du dich selbst verwirklichst. Du genießt das Leben, weil du es so gestaltest wie es dir passt. Du hast Spaß an deiner Arbeit und verdienst auch noch gutes Geld damit. Damit bist du in dieser Gesellschaft eine Rarität. Und nicht jeder gönnt dir dieses Glück. Lass dich vom Neid anderer Menschen nicht verunsichern. Geh’ deinen Weg und orientiere dich an deinen Zielen und deinen Vorbildern. Im besten Fall lassen sich andere Menschen von dir inspirieren – aber das ist deren Wahl.

Und denk’ dran: Alles ist möglich. Auch für dich 😉

Alles Liebe,
deine Carolin

 

6 comments

  • Liebste Carolin, vielen vielen Dank für diesen sehr ehrlichen, sicherlich für dich nicht einfachen, tollen Beitrag!!! Für mich ein Geschenk ☺
    Liebe Grüße
    Nicole

    • Carolin

      Gerne, liebe Nicole! Inzwischen bin ich recht gut im Training, was das Hosen-Runterlassen angeht 😉
      Und ich hoffe, ich kann gaaaanz vielen Frauen damit Mut machen!!! 🙂

  • Anne

    Liebe Carolin,

    danke für den tollen Artikel, der tut echt gut und erhellt viele meiner Fragen und ersten Überlegungen zum Thema Selbständigkeit.
    Meine innere Stimme sagt: “Wenn Business-Mentoring für mich mal ansteht, dann bei Carolin Otzelberger!”

    • Carolin

      Liebe Anne,

      ich freu’ mich, dass ich dir mit meiner Geschichte Mut machen und ein paar Einblicke geben konnte.
      Und ich würde mich sehr freuen, dich auf deinem Weg in die Selbstständigkeit zu unterstützen, wenn es denn soweit ist 😉

      Herzliche Grüße,
      Carolin

      • Anne

        Mich auch! Das wirkt jetzt grade stark auf mich, schon wie ein “Ruf”eigentlich. Es arbeitet in mir 😉 bis bald und DANKE!

        inspirierte Grüße,
        Anne

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