Verwechselst du Langeweile mit Erschöpfung und Überforderung?

Auf dem Check-In Fragebogen, den mir eine Klientin im Vorfeld unserer gestrigen Session geschickt hatte, fanden sich alle möglichen Punkte, über die sie gerne sprechen wollte. Aber ein kleiner Nebensatz gewann meine Aufmerksamkeit. Dort stand: „Es ist immer wieder ein Gefühl sehr präsent: ich glaube, es ist Langeweile hier in meinem Ort und in meinem Alltag.“. Bäm.
Dieser Satz ist sofort in Resonanz gegangen. Das Interessante ist, dass besagte Klientin eigentlich sehr viel zu tun hat. Weil sie immer wieder Erschöpfung, Burnout und depressiven Phasen erlebt hat, war sie in den letzten Jahren sehr darauf bedacht, sich neben ihrem herausfordernden Beruf als Lehrerin nicht Zuviel zuzumuten und sich viel Ruhe zu gönnen.

In unserem Coaching haben wir dann einen Zusammenhang aufgedeckt, der mir selbst erst vor einiger Zeit bewusst wurde und, den ich immer wieder auch bei anderen Menschen beobachte:

Das Nicht-Anerkennen von Langeweile.

Natürlich gibt es verschiedene Formen von Langeweile und ich meine hier nicht, das Herumsitzen und Däumchen drehen. Vielmehr spreche ich von einer Form der Unzufriedenheit, die auftritt, wenn man zu lange in seiner Komfortzone verweilt. Ein sehr interessantes Phänomen.

Was ich beobachtet habe, ist folgendes:

Du kannst im Außen alle Hände voll zu tun haben, zum Beispiel mit einem Job, der dich sehr fordert oder einer Familie, die dich voll einspannt. Und dennoch herrscht in deinem Inneren gähnende Leere.
Doch nicht nur das: oftmals fühlen wir uns sogar durch all die Aufgaben und Anforderungen gestresst und überfordert und fallen abends völlig erschöpft auf die Couch. Müde, ausgelaugt und unfähig, noch etwas “für uns” zu tun.

Kommt dir das bekannt vor?

Ich selbst habe lange Zeit nicht verstanden, warum ich mich damals in meinem Angestellten-Job so gestresst gefühlt habe. Meine Aufgaben konnte ich eigentlich gut abarbeiten, musste nicht mal Überstunden machen (ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich oftmals sogar nach 4-5 Stunden durch war mit meiner Arbeit und dann nur noch die Zeit bis zum Feierabend abgesessen habe…).

Sogar einen Psychologen hatte ich aufgesucht, weil mit klar war, dass mein Druck von Innen und nicht von Außen kam. Der stellte jedoch nur fest, dass ich weder krank noch sonst irgendwie behandlungswürdig sei und schickte mich nach wenigen Sitzungen wieder nach Hause.
Erst viel, viel später habe ich verstanden (und mir eingestanden!), was der wirkliche Grund war: ich brauche seeeehr viel Abwechslung. Nach ein paar Monaten mit den gleichen Aufgabe im gleichen Job langweilte ich mich innerlich.
Dieses Phänomen begegnete mir in den folgenden Jahren immer wieder im Bezug auf alle möglichen Aspekte:
Ich bin sehr oft umgezogen. Anfangs fühlte sich das immer toll an: es gab eine neue Gegend zu erkunden, eine neue Wohnung einzurichten und neue Menschen kennenzulernen. Doch schnell (nach ca. einem Jahr) war ich wieder unzufrieden – und wusste lange Zeit nicht, warum.
In meinem Business probiere ich ständig neue Dinge, bringe neue Kurse und Angebote heraus anstatt die alten, die sehr gut funktionieren immer wieder neu aufzulegen (zum Teil mache ich das, aber Vieles wird eben auch ständig neu erfunden). Viele Business Mentoren schlagen da die Hände über dem Kopf zusammen, wäre es doch viel sinnvoller und zeitsparender, Altes wiederzuverwenden. Mir ist es zu fad.

Der Punkt ist: für viele Dinge habe ich mich falsch gemacht.

Mich sogar geschämt für meine Unzufriedenheit und meine Umtriebigkeit. So nach dem Motto “Sie weiß nicht, was sie will.”. Inzwischen habe ich begriffen, was ich will: nämlich durchaus einige Konstanten in meinem Leben wie Menschen, die mir wichtig und zu festen Ankern in meinem Leben geworden sind oder eine Homebase, wo ich mich wohlfühle. Und von dieser stabilen Basis ausgehend dann bitte sehr viel Abwechslung.
Aber, und das ist entscheidend: es geht nicht nur darum, viele verschiedene Dinge zu tun. Was es braucht, sind neue Herausforderungen, die über die eigene Komfortzone hinaus gehen.

Überprüfe mal für dich, ob du vielleicht den ein oder anderen dieser Aspekte kennst:

  • du fühlst dich unfrei und eingesperrt, obwohl dir theoretisch die Welt offen steht.
  • du hast jede Menge To-Dos, aber du fühlst dich trotzdem leer und uninspiriert.
  • du hast eigentlich ein schönes Leben mit allem, was man so haben sollte und bist dennoch unzufrieden.
  • du hast schon verschiedene Dinge in deinem Leben verändert, aber so wirklich glücklich hat es dich nachhaltig auch nicht gemacht.

Erkannt?
Die Lösung des Problems, das viele Menschen gar nicht verstehen, ist einfacher als du denkst. Du musst weder Job kündigen, noch Beziehung beenden oder umziehen (obwohl das natürlich manchmal anstehen kann). Was es in erster Linie braucht ist, anzuerkennen, dass du regelmäßig neue Herausforderungen brauchst, die dich aus deiner Komfortzone raus bringen. Und zwar aus der räumlichen, der sozialen, der beruflichen, der emotionalen und so weiter.

Dazu ist es wichtig, deine Komfortzone erst einmal kennenzulernen, denn sie ist bei jedem von uns anders ausgeprägt. Während es für manche Menschen eine riesige Herausforderung ist, alleine in ein fremdes Land zu reisen, liegt das für Andere im Zentrum ihrer Wattebausch-Zone. Und während es einige enorme Überwindung kostet, sich zu einem Blind-Date zu verabreden, ist das für erprobte Flirtexperten ein Klacks.

Also welche Schritte könntest du tun, die dich persönlich fordern und aus deiner gewohnten Kuschelzone herausbringen?

Notiere dir fünf Ideen und setze sie in den nächsten fünf Wochen um.

Bei mir bedeutet das zum Beispiel, Anfang Mail zum ersten Mal alleine zu einer Workation nach Tarifa zu fliegen. Und den kompletten Juni in einem Coworking Space im Ausland (wahrscheinlich Fuerteventura) zu arbeiten. Und währenddessen neue Sportarten wie Kiten oder Surfen auszuprobieren. Und das sind nur einige der Abwechslungen, die ich gerade kreiere… 🙂

Übrigens sind wir bei besagter Kundin noch auf einen weiteren interessanten Aspekt gestoßen.

Während des Studiums führte sie ein sehr aktives Leben mit vielen Reisen in fremde Länder und sportlichen Ausflügen mit unbekannten Menschen. Sie war nach eigener Aussage ständig unterwegs. Dann “rutschte” sie in eine Art Burnout zum Ende ihres Studiums, was dazu führte, dass sie es erst spät beendete, weil sie einige Prüfungen und die Abschlussarbeit aufschieben musste. Als Folge davon war bei ihr hängen geblieben, dass zu viele Aktivitäten sie erschöpfen und sie aufpassen musste, sich nicht wieder zu übernehmen.
Durch meine Fragen fanden wir allerdings heraus, dass sie in Wahrheit gar nicht mit dem Studium fertig werden wollte. Ihr war klar, dass die ersten Jahre als Lehrerin sehr anstrengend werden und sie komplett vereinnahmen würden. Also entwickelte sie eine Erschöpfung, um das Ende des Studiums möglichst lange hinaus zu zögern – schließlich brauchte sie sich selbst und den Anderen gegenüber eine gute Erklärung.

Diese Erkenntnis traf sie wie ein Blitz. Plötzlich war sie nicht länger machtloses Opfer eines Burnouts, sondern aktive Gestalterin einer Möglichkeit, (noch) nicht arbeiten zu müssen (und bevor hier Missverständnisse entstehen: ich will in keiner Weise andeuten, dass das auf andere Menschen ebenfalls zutrifft!).
Das Wichtigste für sie ist nun, sich nicht länger die Geschichte zu erzählen, dass zu viel Aktivitäten sie schwächen, sondern anzuerkennen, dass Abwechslung sie lebendig sein lässt.

Siehst du Parallelen zu deinem Leben?

Verwechselst du Langeweile mit Erschöpfung?

Alles Liebe,
Carolin

 

 

10 comments

  • Wow, spannender Ansatz, Carolin!

    Da sind einige Aspekte dabei, bei denen ich doch gerade stark genickt habe 🙂 Teils, weil ich sie schon erkannt habe und aktiv am Tun bin, teils, weil ich weiß, dass ich mir den Bereich noch näher anschauen darf.

    Wünsche dir ganz viel Freude bei deinen sportlichen Arbeitsausflügen!

    • Carolin

      Juhu! Und danke. Dabei bist du doch eines meiner großen Vorbilder beim Raus-aus-der-Komfortzone Leap, Mischa! 😉
      Ganz liebe Grüße!

  • Hallo Carolin, seit ich richtig viel mach, bin ich nicht mehr so k.o., abgesehen davon, dass ich das Zeug der anderen nun nicht mehr so stark übernehme, oder auch gar nicht, und es frühzeitig bemerke.
    Ich hab mir immer gewünscht, kürzer schlafen zu können, und mehr Zeit zu haben.
    Das ist jetzt so – und auch “nur”, weil ich anerkennen kann, dass ich halt vielerlei kann, mag und mache.
    Nach 4 – 5 Stunden fertig? Bei uns im Büro sind viele mehr als ausgelastet… ich verstehe gar nicht, dass es solche Arbeitsstellen geben kann?! Aber vielleicht hab ich da auch einfach eine naive Sichtweise…
    Lg Irmgard

    • Carolin

      Cool, was du dir da schon “zurecht gezimmert” hast, Irmgard! 🙂
      Und naja, jeder Job ist anders… 😉
      Liebe Grüße!
      Carolin

  • Eva

    Liebe Carolin,

    das Tolle ist für mich, dass wir oft selber gestalten können, wie wir unsere Komfortzone verlassen wollen. Also ein bisschen kontrolllierte Aufregung, so dass es in eine Richtung geht, die uns gefallen könnte. Ist das nicht ein echter Luxus?

    Gerade in der Selbstständigkeit würde ich mir manchmal aber schon eher langweilige Standard-Abläufe wünschen, aber nur ein bisschen!

    Herzliche Grüße
    Eva

    • Carolin

      Jaaaa, absoluter Luxus!!! 🙂
      Ich kann deinen Wunsch nach Standardabläufen verstehen. Aber ehrlicherweise muss ich zugeben, dass es mir ohne trotzdem lieber ist 😛
      Herzliche Grüße in den Norden!
      Carolin

  • Bianca

    Hi Carolin,
    das Thema schlägt gerade ein wie eine Bombe… WOW,
    auf Langeweile wäre ich nicht wirklich gekommen.
    Herzlichen Dank für diesen Artikel, Bianca

  • Beate

    Hallo Carolin,
    ich verfolge immer mal weider deinen Blog. Und mit dieser Äußerung habe ich mich sehr angesprochen gefühlt.
    Auch ich habe eine sehr krass umgrenzte Komfortzone, die ich mit meinem Mann/einem an deren Menschen gemeinsam aber immer wieder durchbrechen kann. Allein ist meine Angst zu groß. Da ich an vielen Kopfschmerzen leide, fühle ich mich aber eher in der Komfortzone wohl und suche da dann immer wieder in das “Leben” zurückzukehren, was mir in der Schmerzphase nicht möglich ist.
    Aber dann ist da auch immer wieder diese Leere, wo ich mir Aufgaben suche, um nicht in die Langeweile abzutauchen, weil mein unruhiges Inneres doch was erleben will.
    Aber bei mir werden die Schmerztage immer mehr. Und dann frage ich mich: istr es vielleicht doch eine Art Langeweile?

    • Carolin

      Spannendes Thema, liebe Beate. Ich denke, mit dem Fragen stellen bist du auf einem sehr guten Weg. Worum geht’s hier wirklich? Und was nimmt dein Körper wahr, was dir noch gar nicht bewusst ist?

      Alles Gute dir!
      Herzlichst,
      Carolin