Was im Schein der Online-Welt verborgen bleibt

Zurzeit bewegte uns im Möglichkeiten Club (meiner internen Kunden Community) ein großes Thema: es geht um die inszenierte Scheinheiligkeit der Online-Welt. Und, weil es da aus meiner Sicht einiges zurecht zu rücken gilt, möchte ich meine Perspektive dazu hier gerne mit dir teilen.

An meiner Wortwahl merkst du schon, dass es für mich mal wieder Zeit wurde, Klartext zu schreiben. Denn dieses Thema betrifft wirklich jeden, der mehr oder weniger regelmäßig auf Social Media Plattformen unterwegs ist, Blogs verfolgt oder Newsletter abonniert hat – also heutzutage fast jeden.

Mit einer Mischung aus Verzweiflung, Angst und Wut habe ich von meinen Kunden in den letzten Wochen immer wieder Aussagen wie diese gehört: “Bei allen anderen sieht immer alles so perfekt aus. Die Leute posten ständig, wie gut es ihnen geht und was sie tolles machen. Bei mir ist das nicht so!”.

Darauf folgt dann für gewöhnlich eine von zwei möglichen Reaktionen:
Entweder sie rutschen in den “Ich-bin-nicht-gut-genug”-Sumpf, fühlen sich schlecht und trauen sich gar nicht mehr, sich irgendwie zu zeigen.
Oder sie fühlen sich verarscht, kaufen die Scheinheiligkeit nicht ab und gehen dann voll in den Widerstand gegen dieses “falsche Spiel”.
In beiden Fällen endet das Ganze (zumindest vorerst) mit Rückzug und Distanzierung. Und damit gehen dann auch die tollen Möglichkeiten flöten, die die Online-Welt zweifellos für uns alle bietet.

Was dem zugrunde liegt ist Unbewusstheit bzw. Unkenntnis darüber, welchen Zweck Facebook, Blogs & Co verfolgen:

All diese Möglichkeiten, sich im Internet zu präsentieren haben die Absicht, zu unterhalten, zu informieren und/oder Hilfestellung zu geben (und oftmals natürlich in letzter Konsequenz: zu verkaufen).
Sie sind weder dazu gedacht und noch dazu gemacht, ein reelles Abbild der Wirklichkeit darzustellen!!! Ich wiederhole: per Definition dienen diese verschiedenen Plattformen dazu, ausgewählten Inhalt zur Verfügung zu stellen. Sie wurden nie dazu konzipiert, einen wahrheitsgetreuen 24-Stunden Einblick in das tatsächliche, persönliche Innen-Leben zu gewähren (auch, wenn man diesen Eindruck hin und wieder gewinnen könnte).
Das muss dir als Nutzer und Leser absolut klar sein.

Nachdem wir jetzt also wissen, dass jeder, der eine Webseite, einen Blog oder eine Social Media Seite betreibt, ganz bewusst darüber entscheidet, was er dort zeigt, ist nun auch klar, wer der Hauptakteur in diesem Spiel ist: das menschliche Ego.

Jeder Mensch, und ich behaupte ausnahmslos jeder, bemüht sich, ein bestimmtes Bild von sich selbst nach außen zu zeigen. Die meisten von uns möchten gerne als stark, schön, sympathisch, intelligent, wohlhabend und glücklich wahrgenommen werden. Eine kleinere Minderheit wählt eine gegensätzliche Strategie und bemüht sich durch Provokation, Selbstmitleid oder Angriffe Aufmerksamkeit zu erregen.
Wie auch immer das individuell ideale Selbstbild aussehen mag: niemand von uns entspricht ihm zu 100%. Als logische Konsequenz versucht jeder von uns bestimmte Aspekte in der Außendarstellung zu betonen und andere möglichst zu verstecken. Das ist online wie offline genau das gleiche.

Einziger Unterschied: wenn du einem Menschen persönlich begegnest, bekommst du sofort einen ganzheitlichen Eindruck. Du spürst viel leichter, wie jemand wirklich drauf ist und, ob er versucht, dir (und sich?) etwas vorzumachen. Durch die häppchenweise Fütterung von Online-Plattformen ist es dort dagegen viel leichter, unliebsame Emotionen und Erfahrungen unter den Tisch fallen zu lassen. Das Internet bietet die perfekte Voraussetzung dafür, sehr bewusst ein bestimmtes Image aufzubauen – das unter Umständen meilenweit von der Realität entfernt ist (schon mal ein Online-Date live getroffen?).

Krass ausgedrückt könnte man sagen: du folgst nicht Menschen auf Facebook oder Instagram, sondern ihren jeweiligen Möchte-gern-Idealen.

Der Regisseur von 99% aller Blog-Artikeln, Facebook-Posts oder YouTube Videos ist das Ego (auch bei diesem Artikel!).

Ich höre dich bereits laut aufschreien: “Aber es gibt doch Ausnahmen!!!”.
Ja, die gibt es. Da sind tatsächlich ein paar Menschen, die hin und wieder auch die Kehrseite dieser Medaille beleuchten und dir Einblicke in ihre individuellen Prozesse und Herausforderungen ermöglichen. Nichtsdestotrotz ist jeder noch so persönliche Erfahrungsbericht auch ein bewusst gewählter Ausschnitt der tatsächlich erlebten Realität. Und damit nicht die umfassende Wirklichkeit. (Besonders interessant finde ich übrigens diejenigen, die von sich behaupten, ihr Ego im Griff zu haben und bereits darüber hinaus gegangen zu sein; rate mal, wer da spricht…)

Besonders unter uns Coaches ist es weitverbreitet, eigene Schwierigkeiten und Hürden zu thematisieren – natürlich immer rückblickend, nachdem wir schon den Schlüssel zu Lösung gefunden haben. Ist dir schon mal aufgefallen, dass quasi all diese Erfahrungsberichte ein Happy End haben? So nach dem Motto: “Früher ging es mir auch schlecht. Aber ich habe ein Gegenmittel gefunden und jetzt geht es mir blendend (und dieses Rezept verkaufe ich dir jetzt).”

Worüber wir nicht so gerne sprechen ist, dass wir alle nach wie vor unsere persönlichen Herausforderungen und Themen haben.

Und mit “alle” meine ich alle. Auch, wenn manche gerne so tun, als wären sie jederzeit voll in ihrer Kraft und total im Flow. Das ist Bullshit. Ich kenne genügend, zum Teil sehr erfolgreiche Coaches, Trainer, Berater persönlich und ich weiß, dass sie alle immer wieder an sich arbeiten und mit unliebsamen Mustern oder Themen konfrontiert sind.

Um das mal ganz klar zu sagen: mein Leben ist jetzt um Lichtjahre besser als es jemals war. Ich bin glücklicher, zufriedener und mehr in meiner Kraft als ich mir das früher hätte vorstellen können. Ich habe ein Level an Freiheit und Erfüllung, von dem ich nicht zu träumen gewagt hätte.
Und dennoch ist nicht alles rosarot bei mir.
Auch ich habe Tage, an denen ich schlecht drauf oder genervt bin.
Auch ich bin mal müde oder habe wenig Energie.
Auch bei mir ploppen immer wieder Themen und Emotionen auf, auf die ich keine Lust habe.
Auch ich bin manchmal unzufrieden, zweifle an mir oder Dinge laufen nicht so, wie ich es mir wünsche.

(nebenbei bemerkt sind genau das die Momente, die mich antreiben, nach anderen Möglichkeiten zu suchen)

Und wenn ich so drauf bin, habe ich wenig Lust, spontan auf Facebook zu posten oder ein Video zu drehen. An solchen Tagen erledige ich das Nötigste und tue ansonsten nur, was mir gut tu.

Und manchmal schalte ich auch einfach alles aus und will meine Ruhe haben.

Eine Klientin hat mich mal gefragt, was ich mache, wenn ich mich mal nicht nach Möglichkeitsmacherin fühle. Ganz einfach: ich verkrieche mich mit ner Decke auf’s Sofa ;-).
Ich bin ein Mensch, wie du und ich. Ich koche auch nur mit Wasser und gehe zu Fuß auf’s Klo ;-).

 

Warum ich das schreibe?
Damit du nicht dein tatsächliches Leben an dem bewusst online inszenierten Realitäts-Abklatsch anderer misst. Bei dir selbst weißt du ganz genau, wie du dich wirklich fühlst und zwar 24 Stunden am Tag. Bei allem, was du im Internet siehst, weißt du (spätestens ab jetzt ;-)), dass es nur ein Ausschnitt der Wirklichkeit ist.

Versteh’ mich nicht falsch: ich möchte auf keinen Fall damit sagen, dass all die Online-Publikationen Quatsch oder gar Lüge sind! Im Gegenteil: oftmals sind sie für andere Menschen, hilfreich, inspirierend und ermutigend.
Genauso wenig bedeutet das, dass du nicht andere Menschen als Vorbild oder Rollenmodell haben solltest. Ich selbst bläue meinen Kunden immer wieder ein, dass sich an Menschen orientieren sollen, die bereits da sind, wo sie selbst hin möchten. Das ist mega wichtig, hilfreich und zielführend.

Worum es mir mit diesem Artikel vielmehr geht ist, dir zu einem bewussteren Umgang mit all dem zu verhelfen, was du online hörst, liest und siehst.

Wenn du mal wieder von der Scheinheiligkeit der Online-Welt geblendet bist, könnten folgende Möglichkeiten für dich hilfreich sein:

 

  • Mach dir klar, dass du nur einen Ausschnitt und nicht die ganze Wirklichkeit siehst.
  • Halte dir vor Augen, dass die meisten Menschen Online-Plattformen nutzen, um sich von ihrer besten, erfolgreichsten Seite zu zeigen.
  • Vertraue deinem Gewahrsein und spür’ mal rein, ob es wirklich echt und authentisch ist, was die Person da von sich gibt oder verspricht.
  • Frage dich, ob diese Person ein Beitrag für dich sein und du etwas von ihr lernen kannst.

Und so gehe ich selbst dabei vor:

Ich habe für verschiedene Themengebiete verschiedene Menschen, von denen ich lerne. Meine Business Mentorin muss keine Sportskanone sein und mein Steuerberater kein Gourmet-Koch. Für mich ist entscheidend, Menschen zu folgen, deren Genie-Zone der Bereich ist, in dem ich Unterstützung brauche oder in dem ich mich fortbilden will. Was sie außerhalb ihrer Genie-Zone tun, ist mir relativ egal (solange es mit meinen moralischen Grundwerten konform geht ;-)). Unter diesem Aspekt lese ich ihre Blog-Artikel oder schaue mir ihre Webinare an.

Außerdem vertraue ich stark auf meine Intuition bei der Auswahl der Menschen, von denen ich mich inspirieren oder ausbilden lasse. Deshalb wähle ich sehr sorgsam, in welchen Facebook Gruppen ich aktiv bin und wessen Blog oder YouTube Kanal ich mir rein ziehe. Alles, was mir zu viel, zu künstlich oder zu laut ist, klicke ich weg. Ganz einfach. Das ist das Schöne an der Online-Blase: du kannst dir aussuchen, welchem Input du dich auslieferst ;-).

 

Und last but not least: Konzentriere dich auf dich! Es geht um dein Leben. Und dein Weg ist absolut einzigartig und individuell. Mit nichts und niemandem zu vergleichen.

 

Gerade fällt mir dazu dieser englische Spruch ein, den ich sehr treffend finde:
“Don’t Compare Your Life To Others’. You Have No Idea What Their Journey Is All About.”

Herzlichst,

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2 comments

  • Susanne Johannsen

    Vielen Dank für diesen Artikel!
    Das sind genau die Punkte, die ich mich gefragt und von denen ich mich abgeschreckt gefühlt hatte.
    Eigentlich weiß man das ja und trotzdem reflektiert man viel zu selten und sieht nicht genauer hin.
    Gut, dass Du noch einmal darauf aufmerksam gemacht hast. 🙂
    Liebe Grüße
    Susanne

  • Auch bei mir hat all das zur Distanziertheit geführt. Früher war Facebook spannend und hat mir unendlich viel Mehrwert geliefert, heute ist mein Tun auf FB eher ein Pflichtprogramm und über weite Strecken empfinde ich es als Zeitdiebstahl. Bei “I love my life” bekomme ich bereits unmerklich, aber doch Zuckungen.
    Ja, FB mach die Welt klein und man lernt Leute kennen, die das eigene Leben bereichern, aber der Preis ist hoch. Ich schraube das Dingens kontinuierlich zurück. Am Wochenende bin ich gar nicht mehr auf FB, denn hunderte “Gute Nacht”-Posts töten meine Gehirnzellen.